Landesmitgliederversammlung spricht sich für Erhalt der Geburtshilfe im ländlichen Raum aus

Die Landesmitgliederversammlung von Bündnis 90/Die Grünen Hessen hat sich heute einstimmig für den den Erhalt der Geburtshilfestationen – auch der des DRK-Krankenhauses in Biedenkopf – ausgesprochen. Die Kreistagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen Marburg-Biedenkopf begrüsst diesen Beschluss ausdrücklich und hofft, dass jetzt bald ein landesweites Konzept zur integrierten Versorgung der Geburtshilfe im ländlichen Raum erstellt wird.

Grundsätzlich geändert werden muss auch die Situation der Hebammen. Die Arbeit der Hebammen ist ein Beruf und kein Ehren- oder Laienamt und Hebammen haben ein Anrecht darauf, dass ihr Beruf auch eine entsprechende Vergütung erfährt.

Hier die Forderungen der Hessischen Grünen:

Geburtshilfe im ländlichen Raum erhalten

Geburtshilfe ist eine existenzielle medizinische Leistung der Regelversorgung, die flächendeckend und qualitativ hochwertig in allen Regionen Hessens erhalten werden muss. Unser Ziel ist eine wohnortnahe, gute ambulante und stationäre Versorgung vor, während und nach der Geburt. Für jede schwangere Frau muss ein gut erreichbares Angebot für die Entbindung zur Verfügung stehen.

Obwohl die Angebote gerade im ländlichen Raum in den letzten Jahren immer mehr abgebaut wurden und die weitere Schließung von ambulanten und stationären Angeboten der Geburtshilfe bevor steht, zeichnet sich die schwarz-gelbe Landesregierung durch Interesselosigkeit und Nichtstun aus. Deshalb sagen wir: 13 Jahre sind genug!

Was jetzt auf Landesebene getan werden muss:

Mit allen Akteuren – den Landkreisen und Gemeinden, den Kassen, Hebammen, Krankenhäusern – ist ein Konzept zu erarbeiten, das eine integrierte Versorgung in der Geburtshilfe im ländlichen Raum auf Dauer sicherstellt. Integrative Versorgung heißt, dass die Kooperation aller Akteure im Bereich der Geburtshilfe von der Hebamme vor Ort bis zur stationären Entbindung und der ambulanten Betreuung nach der Geburt an den Bedürfnissen von Schwangeren, jungen Müttern und ihren Kindern auszurichten ist. Dieses Konzept hat in einer Vereinbarung zu münden, wie in Zukunft die wohnortnahe gute Versorgung sichergestellt wird. Innovative Ideen, wie beispielsweise ganzheitliche Geburtshäuser mit unterschiedlichen Berufsgruppen, sind in dieses Konzept einzubeziehen.

Für die spezielle und hochspezialisierte Versorgung z.B. bei Risikogeburten und Frühgeburten sind regionale Netzwerke aufzubauen, die die Versorgung auch im ländlichen Raum sicherstellen. Die gerade entstehenden Kinderpalliativ-Teams in Kassel, Gießen und Südhessen können dabei als Vorbild dienen. Diese Netzwerke und ihre Finanzierung sind ebenfalls in das Konzept einzubeziehen.

Um sich abzeichnende Lücken in der Regelversorgung rechtzeitig feststellen und entgegenwirken zu können, ist ein Versorgungsatlas für Hessen zu erstellen. Dieser erfasst derzeit vorhandene Angebote in allen Bereichen der Regel- und Maximalversorgung und zeigt überversorgte, aber gerade auch bereits existierende bzw. drohende unterversorgte Gebiete Hessens mit besonderem Handlungsbedarf auf. Im Bereich der Geburtshilfe ist ein solcher Versorgungsatlas überfällig, denn die Unterversorgung in der Geburtshilfe im ländlichen Raum ist bereits vorhanden.

Begründung:

Im Gesundheitswesen werden alle medizinischen Leistungen auf ihre Wirtschaftlichkeit hin überprüft. Das ist grundsätzlich richtig, denn kein Krankenhaus kann auf Dauer defizitär arbeiten. Im Bereich der Geburtshilfe führt die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung aber zu fatalen Entscheidungen. In Hessen wurden in den letzten Jahren zahlreiche Entbindungsstationen geschlossen, davon die meisten in den großflächigen Kreisen in Mittel- und Nordhessen.
Schon jetzt müssen Schwangere in manchen Regionen Entfernungen von mindestens 25 Kilometern zurücklegen, um zu einer Entbindungsstation zu kommen. Das ist eine unzumutbare und für Mutter und Kind gefährliche Situation. Aktuell sind die Entbindungsstationen im Kreiskrankenhaus Alsfeld und im DRK-Krankenhaus Biedenkopf von der Schließung wegen zu niedriger Fallzahlen bedroht.

Die Rentabilität von Fachabteilungen wird u.a. mit Mindest-Fallzahlen berechnet. Laut Fachgutachten sind in einer Entbindungsstation 800 Geburten im Jahr nötig, um rentabel zu arbeiten. Wenn diese Zahl zugrunde gelegt wird, müssten etwa zwei Drittel aller Geburtenstationen in Deutschland schließen. Von den etwa 900 Kliniken mit Geburtshilfe in Deutschland blieben gerade einmal 300 übrig. Die flächendeckende Versorgung für Schwangere würde zusammenbrechen, im mittel- und nordhessischen Raum würden lediglich Kassel, Marburg, Gießen und Fulda übrig bleiben, sogar das Klinikum Bad Hersfeld mit knapp 700 Geburten fiele unter die Grenze. Somit würden in vier Landkreisen – dem Vogelsberg, dem Schwalm-Eder-Kreis, dem Kreis Hersfeld-Rotenburg und dem Werra-Meißner-Kreis – keine Kinder mehr geboren werden können. Auch die Schwangerenbetreuung vor und nach der Entbindung wäre dann nicht mehr gewährleistet, weil Hebammen zur Existenzsicherung auf die Arbeit in einem Krankenhaus – ob als Beleghebamme oder Festangestellte – angewiesen sind.

Fakten und Daten:

* 1992 musste eine Hebamme 600 Mark für eine Haftpflichtversicherung im Jahr zahlen, heute liegen die Kosten bei 4.000 Euro pro Jahr. Die Entgelte für die Betreuung der Schwangeren sind dagegen nur geringfügig gestiegen. Der Bruttostundenlohn einer Hebamme liegt nach Angaben des Hebammenverbandes bei 7,50 € pro Stunde vor Steuern und Abgaben. Damit können freiberufliche Hebammen kein existenzsicherndes Einkommen mehr erzielen.

* Die Geburtenraten sinken tendenziell in den ländlichen Regionen stärker als in den Städten und stadtnahen Kreisen. In der Stadt Frankfurt am Main wurden 2011 absolut die meisten Kinder geboren (lt. Angaben Hess.Stat.Landesamt).

* Es gibt einen deutlichen und anhaltenden Trend zu späterer Elternschaft: 1970 lag das Durchschnittsalter der Frauen bei 24 Jahren, 2009 bei rund 30 Jahren. Geburten bis zum 40. Lebensjahr werden häufiger. Dies hat Konsequenzen für die Schwangerschafts-Vorsorge, da das Risiko zu Mehrlingsgeburten und zu bestimmten Fehlbildungen mit steigendem Alter der Mutter zunimmt. Es ist mit größerer Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und zunehmenden Kosten zu rechnen.

* Schließungen (nicht abschließend) in Hessen seit 2007: Witzenhausen (Werra-Meißner-Kreis) Rotenburg (Kreis Hersfeld-Rotenburg) Lauterbach und Schotten (Vogelsbergkreis) Büdingen (Wetteraukreis) Arolsen (Kreis Waldeck-Frankenberg) Homberg (Schwalm-Eder Kreis) Bad Soden Salmünster (Main-Kinzig-Kreis) Hadamar (Kreis Limburg-Weilburg) Usingen (Hochtaunuskreis) Bad Schwalbach (Rheingau-Taunus-Kreis) Flörsheim (Main-Taunus-Kreis)

Beschluss der Landesmitgliederversammlung von Bündnis 90/Die Grünen Hessen am 10.11.2012 in Wiesbaden

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